Teufelskreis Datenschutzrichtlinien

Laut einer Meldung auf Pressetext [1] kosten umständliche Datenschutzrichtlinien jedem User 250 Stunden im Jahr. Das wären lt. einer anderen Studie 781 Mrd. Dollar im Jahr. Ich hoffe diese “Studie” hat sehr wenig gekostet und im besten Fall: Richtlinien könnten 250 Stunden kosten, aber sind es nicht viel weniger?

Selbstverständlich werden keine 250 Stunden verschwendet, denn User lesen keine Datenschutzrichtlinien (oder nur in geringem Ausmaß) bzw. interessieren sich gar nicht [2] mehr dafür. Sonst könnte es nicht passieren, dass so mancher User seine Seele verkauft [3] und viele Dienste würden gar nicht Anspruch genommen werden. Siehe am Beispiel Facebook das “Userbewusstsein” [4] und die damit verbundenen Datenschutzrichtlinien [5]. Eigentlich dürfte es kaum User auf Facebook geben.

Die “Vereinfachung”

Dass Datenschutzrichtlinien nicht gelesen werden, mag zwar mit deren Länge und ihrer juristischen Ausdrucksweise zusammenhängen, die Forderung von Daten-, Konsumenten- und sonstigen Schützern, diese Richtlinien zu vereinfachen stellt aber eine absurde Vereinfachung dar.

Denn die gleichen “Schützer” treten auf anderer Seite dafür ein, die User möglichst genau und umfassend darüber aufzuklären, welche Daten erfasst werden, wozu diese gesammelt bzw. wie sie verarbeitet werden (Beispiel Twitter [6]). Natürlich sollte der User auch darüber informiert werden, welche Möglichkeiten und Rechte er hat, diese Daten anzufordern, zu löschen oder stillzulegen.

Um ein Beispiel in diesem Teufelskreis zu nennen: Wenn ich als Anbieter den Wunsch eines Users ernst nehme, dass ich keine Daten über ihn erfasse, muss ich die Daten dieses Users erfassen, um zu wissen, wessen Daten ich nicht erfassen soll (ich hoffe ich habe mich einfach genug gefasst ;-).

Unberücksichtigt bleibt auch die Notwendigkeit für Unternehmen, sich rechtlich abzusichern, wenn es darum geht, immer komplexer werdende Anwendungen anzubieten. So dürfte die Intention von Social Networks, sich Rechte an Beiträgen zu sichern (z.B. Fotos), mehr damit zu tun haben, diese problemlos innerhalb des Netzwerkes verbreiten bzw. verlinken zu können und nicht eine Bilddatenbank anzubieten.

Das soll natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Unternehmen gibt, die ihre User zu wenig bzw. gar nicht informieren und Daten auch missbräuchlich verwenden. Aber durch Aufklärung und notwendig verpflichtende Offenlegungen werden die Datenschutzrichtlinien weder kürzer noch einfacher gemacht. Standards mögen der Vereinfachung dienen, haben aber den Nachteil, zukünftige Entwicklungen nicht wirklich berücksichtigen zu können.

Und dann bleibt da noch die Frage, wie einfach muss man Richtlinien gestalten, damit sie auch von allen wirklich verstanden werden? Immerhin verfügen – zumindest in Wien – 24% der Volksschüler über eine schwache Lesekompetenz bzw. liegen in der 8. Schulstufe 47% der Schüler unter dem Durchschnitt [7].

Links

[1] “Datenschutzrichtlinien stehlen viel Lebenszeit” via pressetext.com
[2] “Privacy ist für Loser” via off-the-record.de
[3] “AGB: Onlinekunden verkauften buchstäblich ihre Seele” via golem.de
[4] “Das Privacy-Paradox” via derstandard.at
[5] “Lollipop: Wie Facebook unsere Privatheit auslutscht – Eine Timeline” via off-the-record.de
[6] “Kampagne: “Was weiß Twitter über dich?” via futurezone.at
[7] “Wiener Lesetest 2012″ via stadtschulrat.at

 

Martin Diller [Strategie | Kreation] . Ich berate Unternehmen, entwickle Strategien und Konzepte im Bereich Online-, Dialog Marketing und Corporate Design und sorge für deren Umsetzung.
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