Anonymität, Datenschutz und eine mögliche Zukunft

Wenn alle Menschen die gleichen Vorstellungen darüber besitzen würden, was privat und was öffentlich ist, wäre die Welt ganz einfach und viele Diskussionen, die an Absurditäten kaum zu überbieten sind, fänden gar nicht statt. Die User würden nur jene Angebote nutzen, die sie für richtig halten und die Anbieter hätten kaum eine andere Chance, als sich danach zu richten. Eine etwas ausführlichere Betrachtung.
Datenschutz


Aber im wirklichen Leben reichen die Vorstellungen über Privatheit vom Extrovertierten und Wichtigmacher bis zu denen eines Introvertierten oder Paranoikers. Ich schließe mich Hannah Arendts Meinung an, was eine Trennung des Öffentlichen und des Privaten betrifft, nur wenn jemand seine “private” Meinung oder “vertrauliche” Informationen veröffentlicht, hat er selbst die Grenzen verwischt und sollte sich eher mit Post-Privacy beschäftigen.

Was vertraulich und privat ist, muss der User unterscheiden und wenn z.B. ein Unternehmen wie facebook dem User Möglichkeiten anbietet, bei jeder Information zu bestimmen wie vertraulich diese ist bzw. an wen adressiert, ist das ein Schritt in eine richtige Richtung. Die Verantwortung für die Informationen liegt beim User und er muss diese auch wahrnehmen, notfalls indem er etwas nicht veröffentlicht. Das Gleiche gilt auch für die Daten, die ein User generiert, also sein Surfverhalten, mit welchen Menschen er verbunden ist und wie er interagiert.

Die vielbeschworenen Überforderungen der User, die durch Reglements eingeschränkt gehören, scheinen im analogen Leben den Usern sehr wohl bewusst zu sein. So kenne ich kaum Menschen, die ihren Unmut über den Chef laut kommunizieren, wenn sie annehmen können, dass ein Freund oder Follower des Chefs diese mitbekommen könnte.

Daten – die Quadratur des Kreises oder lauter Absurditäten

Datenschützer, die sich meist mehr damit beschäftigen, was sein könnte anstatt mit dem was Praxis ist, Politiker, die im besten Fall keine Ahnung, im schlechtesten die falsche Ahnung haben und Medien, deren Qualitätsjournalismus nur noch in der Selbstdarstellung vorkommt, vermitteln uns laufend den Eindruck, was alles getan werden muss, um den User vor Daten-Sammlung und -Missbrauch zu schützen. Was oft so einfach klingt, stellt sich in der Realität um ein vielfaches komplexer dar.

Verbesserung der Angebote

Daten werden gesammelt, um Angebote zu verbessern. Erst wenn ich weiss, wie mein Angebot genutzt oder auch nicht genutzt wird, kann ich daran etwas verbessern. Die eigentliche Schwierigkeit besteht aber darin, herauszufinden, warum etwas (nicht) genutzt wird. So kann mein Angebot grundsätzlich ein Richtiges sein, aber an der Usability scheitern. Je mehr dementsprechende Daten vorhanden sind, desto “leichter” werde ich mein Angebot an die Userbedürfnisse anpassen können.

Marketing und Werbung

Eine wichtige Möglichkeit, Angebote zu finanzieren ist Werbung. Um effizient Werbung zu betreiben ist es notwendig, die richtigen Adressaten zu finden. Und effizient bedeutet nicht nur für den Werbetreibenden den finanziellen Aufwand besser einsetzen zu können, sondern es bedeutet auch für den Konsumenten möglichst nur mit Werbung für jene Produkte oder Dienstleistungen konfrontiert zu werden, für die er auch ein Interesse hat und die auf ihn zutreffen könnten. Mehr Daten bedeutet diese Zielgruppe auch besser eingrenzen zu können.

Die Alternative bedeutet, dass es mehr Werbung gäbe (in der Hoffnung irgendwann den Richtigen zu erreichen), die billiger und einfacher wird (weil dann Quantität vor Qualität zählt) und die mehr nervt, weil sie nicht zutrifft (ausgenommen für jene Kinder und Frauen, die auch gerne Potenzmittel-Werbung bekommen oder für jene Männer, die auf Diät- und proaktive Verdauungs-Werbung wert legen).

Es bedeutet natürlich auch für kleinere Unternehmen oder Organisationen, dass sie keine Werbung mehr machen können, weil sie sich eine breite Streuung nicht leisten können.

Wer grundsätzlich gegen Werbung ist, sollte sich mit seiner Kleidung, egal ob Markenkleidung (woher auch immer er weiss, dass es eine Marke ist), preiswert oder nachhaltig (woher auch immer diese Informationen stammen) vor den Spiegel setzen und nachdenken…

Privacy und Datenschutz

Damit man User vor Missbrauch schützen kann, muss man auch wissen, wer der User ist (den man schützen will), was er geschützt haben will und wie es geschützt werden soll (z.B. wer welche Informationen sehen darf). Anders ausgedrückt: man braucht Daten über den User…

Automatisierte Systeme – egal wie ausgetüftelt sie sein sollten – werden nie über Intuition, Empathie oder Moral verfügen. Sie werden sie im besten Fall nachahmen können. Um zu wissen wie sie agieren sollen, brauchen sie Daten darüber wie. Entweder stammen diese Informationen aus den Spekulationen der Anwendungsverantwortlichen oder aus den Daten, die die User bereit sind zu geben. Je weniger Daten, desto mehr Spekulation.

Im echten Leben ist das auch nicht anders. Ich muss mein Gegenüber kennen oder zumindest einschätzen können, um zu wissen ob er überhaupt der richtige Ansprechpartner ist, wie ich ihn ansprechen kann und was ich ihm mitteilen kann …

Es gibt Regeln für den Datenschutz

Welche Daten erhoben und genutzt werden, muss jedes Unternehmen veröffentlichen und die User müssen den dementsprechenden Bedingungen zustimmen. Jene, die sich darüber aufregen, wie lange, juristisch und kompliziert solche Bedingungen sind, sollte sich dafür auch bei Datenschützern und Gesetzgebern bedanken, die alle möglichen Erklärungen und Bedingungen den Unternehmen aufzwingen um die Konsumenten zu schützen.

So kenne ich kein einziges Unternehmen, dass Interesse an persönlichen Daten bzw. der Person eines Users hätte, wie oft von den “Experten” dargestellt. Wenn sich jemand für Ihre persönlichen Daten interessiert, sind es eher jene, die sie bereits kennen oder besser kennenlernen wollen. Unternehmen interessiert Ihre Person nur dann, wenn Sie sich dort bewerben oder wenn Sie etwas gegen das Unternehmen veröffentlichen. Und dann dürfen diese Unternehmen auch nur auf jene Daten zurückgreifen, die öffentlich sind oder die der User ihnen zur Verfügung stellt.

Das was die Unternehmen interessiert, sind möglichst viele User auf die bestimmte Daten zutreffen und das nennt man Zielgruppe. Ihre persönlichen Daten inkl. Namen werden dem werbenden Unternehmen normalerweise nie mitgeteilt, genauso wenig der Hintergrund, warum Sie sich in der Zielgruppe befinden. Persönliche Daten (ausser öffentliche) dürfen nicht verkauft werden, das ist illegal und jedes grössere Unternehmen wird sich hüten dagegen zu verstossen.

Eine Hauptschwierigkeit liegt wohl eher darin, dass der User bei seinen Veröffentlichungen immer Gefahr läuft, so wahrgenommen zu werden, wie er sich verhält und nicht, wie er sich selbst sehen und darstellen will. Nicht die Daten, sondern wie sie interpretiert werden können sind das Problem, dass sich – Gehirnwäsche und Gleichschaltung ausgenommen – nicht lösen lassen wird. Auch diese Schwierigkeiten sind aus dem analogen Leben bekannt. Jedem passiert es, dass er anders wahrgenommen wird, als er glaubt sich zu präsentieren. Wenn ich das Bild, das sich ein Anderer von mir gemacht hat korrigieren will kann ich das, indem ich ihm Informationen darüber gebe, warum sein Bild meiner Meinung nach nicht stimmt. Oder anders gesagt, ich muss ihm mehr Daten geben.

Nichtverstehen und Panikmache

Wenn man dann Beispiele wie hier liest:

Ein anderes Beispiel: Sie stellen fest, dass Sie im Kaufhaus immer gerade Ersatz für die Kleidungsstücke angeboten bekommen, die seit einiger Zeit wegen schadhafter Stellen im Schrank hängen. Darüber verwundert sprechen Sie wieder mit Ihren Freunden, die Sie, mit einem etwas mitleidigen Lächeln, fragen, ob Sie denn noch nicht wüssten, dass pfiffige Mitarbeiter des Kaufhaus-Konzerns regelmäßig in Wohnungen einbrechen und Kleiderschränke durchwühlen, um zu schauen, was die Leute so brauchen.

klingt das erschreckend, aber man kann sich nur wundern, wie wenig der Autor von der Realität weiss.

Nicht das Unternehmen bricht bei Ihnen ein, sondern Sie betreten ein virtuelles Geschäft (ein Online-Angebot) und schauen sich um. Oder um das zitierte Beispiel richtiger darzustellen: Stellen Sie sich vor, sie betreten ein Kaufhaus, indem man Ihnen permanent das verkaufen will, was sie nicht wollen, nur weil der Verkäufer ignoriert, für was Sie sich interessieren. Ein guter Verkäufer wird versuchen Sie aufgrund ihres Auftretens und ihres Verhaltens (Umschauen) richtig einzuschätzen, sie nach Ihren Wünschen fragen und aus seinem Angebot das Passende heraussuchen. Wenn der Verkäufer die Daten, die Sie ihm liefern richtig interpretiert, werden Sie sich als Kunde verstanden und gut behandelt fühlen und nicht als Opfer.

Echte Gefahren

Wenn ein Unternehmen Ihre Daten falsch interpretiert, werden Sie Angebote bekommen, die Sie nicht haben wollen. Das wird dem Unternehmen schaden. Ob das eine Gefahr darstellt? Wohl eher nicht.

Gefährlich wird es, wenn der User leichtfertig Daten hinterlässt bzw. diese Daten leicht zu stehlen sind, um z.B. für Identitätsdiebstahl missbraucht werden zu können (siehe hier: “Die Arzthelferin bedroht die Sicherheit der deutschen Wirtschaft”). Aber das ist nicht ein Problem der Datensammlung sondern – wie in den meisten Fällen von Datenmissbrauch – ein Problem der Datensicherung.

Gefährlich wird es, wenn vor allem staatliche Stellen ohne Wissen der Nutzer nicht nur Daten sammeln bzw. auf diese zugreifen können, sondern diese auch im Sinne ihrer Interpretationen auswerten. Wobei auch hier nicht die Sammlung der Daten gefährlich ist, sondern die Interpretation derselben. So soll es schon vorgekommen sein, dass Menschen, die die falschen Bücher lesen (z.B. via Amazon Wunschliste) die Einreise in bestimmte Länder verwehrt wurde.

Problematisch sind aber nicht nur die Interpretationen was Terror “Friends of U.S., Terrorists in Eyes of Law” ist und ob die Interpretationen moralischen Bewertungen unterliegen, heutzutage wird Handlungsbedarf von Statistiken bestimmt “Politischer Zahlen-Fetisch: Frage, was Du für die Statistik tun kannst!“.

Staatliche Stellen erwähne ich deshalb besonders, weil diese auch die rechtlichen Aspekte der Daten von und über User bestimmen können, wie die Datensammlung (Vorratsdatenspeicherung oder hier) bzw. auch per Gesetz regeln wollen, auf welche Inhalte man überhaupt zugreifen darf “Netz-Zensur in Deutschland nicht nur für Kinderpornografie” und “Datenschutz als Falle“.

Wie ich zuvor schon aufgezeigt habe, muss man, um Daten schützen zu können, über mehr Daten verfügen. So produzieren mehr Regelungen mit mehr Institutionen, die diese kontrollieren, nicht nur mehr Bürokratie und Daten, sondern schränken auch die Handlungsfreiheiten der User ein “Wie der Datenschutzdas Internet balkanisiert“.

Mehr Regelungen führen auch dazu, dass die Unternehmen nicht nur dazu gezwungen werden, die User darüber aufzuklären, was mit welchen Daten geschieht (was grundsätzlich richtig ist), sondern auch das bis in das kleinste Detail. Das wiederum führt zu immer komplizierteren und umfangreicheren Vertragsbedingungen, die auch heute schon keiner mehr liest “Kunden verkaufen Seele an britischen Spielehändler“.

Um dem Bedarf des Users nach mehr Kontrollmöglichkeiten entgegenzukommen, werden nicht nur die Vertragsbedingungen komplizierter, sondern auch die Benutzung von Anwendungen wie z.B. facebook mit seinen immer komplexer werdenden Einstellungsmöglichkeiten. Absurderweise werden diese nicht nur von den Usern moniert, sondern auch von Datenschützern, da ja facebook dadurch wieder mehr und präzisere Daten bekommt.

Zukunft der User Daten

Ich bin für den Datenschutz, aber mit Nachdenken über mögliche Konsequenzen und letztlich: es gibt keine echte Lösung. Die Grenze wird sich immer fliessend zwischen Nutzen und Schutz bewegen und mit neuen Angeboten, Techniken und einem dementsprechend sich verändernden Userverhalten auch immer fliessend bleiben. Intelligenter wäre es, klare Regelungen, die auch international Gültigkeit besitzen zu entwickeln.

Der User muss es lernen, sich nicht nur mit den Techniken auseinandersetzen, sondern auch damit was Veröffentlichen wirklich bedeutet. Er beeinflusst durch sein Nutzen oder auch Nicht-Nutzen die Angebote und durch einen sorgsameren Umgang erreicht er auch jene Selbstdarstellung, die er selbst erreichen will.

Mit dem Wachsen der Bedeutung von Social Networks und Web 2.0 wird die richtige Selbstdarstellung immer mehr in den Fokus rücken. Es werden mehr Angebote und Experten entstehen, die helfen sollen, sich richtig zu präsentieren. Und damit wird sich in Zukunft das Mainstream-Netz zu dem wandeln, was uns ja facebook bereits vorturnt. Man liked nur, man wird Fan und hat nur Friends.

Speziell Social Networks werden sich in reine Selbstdarstellungs-Netze verwandeln und User werden sich immer mehr als fair, political correct, konform, aufgeschlossen und erfolgreich präsentieren um Jobs, Partner und Kunden zu bekommen. So wie hier von facebook beworben:

So wird es immer mehr “nur positive” Daten geben und wir werden zu Politikern unserer selbst werden, getreu dem Wortursprung des Wortes Politik, der Polis:

Die typische Polis war eine Bürgergemeinde bzw. ein Personenverband und definierte sich nicht primär über ihr Territorium, sondern über ihre Mitglieder. aus Wikipedia

Martin Diller [Strategie | Kreation] . Ich berate Unternehmen, entwickle Strategien und Konzepte im Bereich Online-, Dialog Marketing und Corporate Design und sorge für deren Umsetzung.
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